Kirgistan 2019 - Pik Lenin


Soloexpedition! In diesem Jahr wollte ich einmal ein spezielles Abenteuer wagen. Alleine in ein Land wie Kirgistan zu reisen und mein Lieblingsstyl «Fast and light» an den hohen Bergen ausprobieren. Inzwischen weiss ich, wie sich meine Psyche verhält, wenn ich allein bin und dennoch war es für mich ein Experiment. Ich suchte mir ganz bewusst ein Ziel aus, bei dem ich wusste, dass ich im Basecamp nicht alleine war. Falls ich trotzdem mal etwas Gesellschaft bräuchte. Dafür war der Pik Lenin, der im nördlichen Teil des Pamir liegt ideal.

 

Mitte Juli startete ich meine Reise mit dem Flug von Zürich nach Osch. Am Ankunftstag besorgte ich mir die gesamten Lebensmittel und weitere Sachen, die ich noch benötigte. So ging es am zweiten Tag weiter in das kleine Bergdorf Sary Tash. Da ich mein Transport vom Dorf ins Basecamp des Pik Lenin schon von Zuhause aus organisiert hatte, blieben mir noch zwei Tage in Sary Tash. Ich nutzte die Zeit für eine kleine Akklimatisationswanderung im Alaital. Ich begegnete einer sehr gastfreundlichen Familie, die mich zu sich einlud und mir Brot, Tee und andere Spezialitäten anboten. Schlussendlich war ich den halben Nachmittag bei der Familie. Die Kinder zeigten mir alle Tiere, die sie besassen. Die zwei Tage prägten mich sehr. Ich genoss die Einsamkeit und die Herzlichkeit der Einheimischen. 

Nach einer weiteren Nacht in Sary Tash fuhr ich mit einem Kleinbus ins Basecamp. Der Transport meines Gepäckes mit einem Pferd, war schnell organisiert. Ich bevorzugte hierbei die Einheimischen und nicht die grösseren Organisationen die solche Transporte anboten. Somit bezahlte ich nur einen Drittel des Betrages, welcher ich bei einer grösseren Organisation angefallen wäre. Die Kirgisen bekamen dennoch mehr Geld für ihre Arbeit als üblich.

 

Im Vorgeschobenen Basislager stellte ich mein Zelt einige Meter abseits des grössen Trubels auf. Mein Plan war, zuerst auf Camp 2 (5400m) dann auf Camp 3 (6100m) zu übernachten und dann noch ein zweites Mal auf 6100m zu schlafen. Mir wurde aber schnell klar, dass ich auf der Normalroute nicht zu viel Zeit verbringen möchte. Als ich die Menschenmassen, die jeden Morgen wie ein Tazelwurm über den Gletscher laufen sah, änderte ich meinen Plan: so schnell wie möglich auf den Gipfel steigen und mir dann einen neuen Überblick schaffen.

 

Am Tag nach meiner Ankunft im Basecamp, bestieg ich gemütlich den nahen Yukhina Pik. Im Basecamp lernte ich Sophie kennen, die ebenfalls alleine angereist war. Da der Gletscher doch sehr verspaltet war und sie auch einen Aufstieg in den nächsten Tagen plante, entschieden wir uns, den Gipfel gemeinsam in Angriff zu nehmen. Ich war jedoch noch überhaupt nicht akklimatisiert. Daher entschied ich mich am nächsten Tag noch einmal auf den Yukhina Pik zu steigen und gleich die Nacht dort zu verbringen. Ich erlebte einen der farbenfrohesten und schönsten Sonnenuntergänge in meinem bisherigen Leben und merkte, dass es vielleicht nicht die beste Idee war mit den kurzen Hosen auf über 5000 Meter unterwegs zu sein.

 

Am Sonntag dem 28 Juli war es soweit, wir starteten zum Gipfelaufstieg. Da Sophie ihr Zelt bereits im Camp 3 aufgestellt hatte, war das unser erstes Ziel. Wir verliessen das Basecamp schon früh morgens vor Sonnenaufgang. Wie an allen anderen Tagen war auch heute viel los. Über 80 Leute wollten über den Gletscher zum Camp 2 und 3 aufsteigen. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Aufstieg nur einmal machen musste. Es ist einfach nicht mein Ding, mit so vielen Leuten einen Gletscher hoch zu laufen. Am frühen Nachmittag kamen wir im Camp 3 an. Das Nachmittagsprogramm war vor allem Schnee für frisches Wasser zu schmelzen und uns auszuruhen. Ich merkte, dass ich noch nicht gut akklimatisiert war. Ich hatte leichte Kopfschmerzen und fühlte mich nicht besonders bei Kräften. Um die Symptome zu vermindern habe ich viel Wasser getrunken und mich früh schlafen gelegt. In der Nacht konnte ich nicht besonders gut schlafen, dennoch erholte ich mich ein wenig.

 

Uns war bereits am Vorabend klar, dass wir nicht in der Dunkelheit starten wollten. Es war schon genügend kalt, wenn die Sonne schien. Früh morgens hörten wir die anderen Bergsteiger. Viele gingen bereits um 4 Uhr los. Wir kletterten um 7:30 Uhr aus dem Zelt und starteten unseren Gipfelaufstieg.

Mit wenig Gepäck und recht langsam, ging es Schritt für Schritt näher an die 7000er Grenze.  Es war sehr kalt und zum Teil Winde mit bis zu 50km/h. Diese Windgeschwindigkeit war grenzwertig, um weiter aufzusteigen. Vielen sind umgekehrt, noch bevor wir gestartet sind. Doch wir kämpften uns weiter durch die Windböen und standen nach etwas mehr als 5 Stunden auf dem Gipfel. Ich war glücklich das ich es geschafft hatte. Am sechsten Tag nachdem ich im Basecamp angekommen bin, hatte ich schon das Minimalziel von meiner Expedition erreicht. Viele andere Bergsteiger brauchten mehr als nur sechs Tage, um sich an diese Höhe zu gewöhnen.

 

Wieder unten im Basecamp war Erholung angesagt. Auf dem Campingstuhl vor meinem Zelt, mit frisch gemahlenem Kaffee und guter Musik in den Ohren, hatte ich eine perfekte Sicht auf den Pik Lenin. Was für ein gewaltiger Berg! Mit seiner über zwei Kilometer hohen Nordwand und einem      10 km langer Grat, der von Osten nach Westen verläuft war dies eine sehr eindrückliche Sicht. Je länger ich den Berg bestaunte, desto mehr kam der Wunsch auf, den gesamten Berg zu überschreiten. Für diesen Plan entschied ich mich dann nach einem gründlichen Durchdenken auch. Ich wollte den Berg auf einer Route besteigen, die keinen richtigen Namen trägt. Sie startet mit dem Nordgrat bis auf den Pik 5547 und verläuft danach auf dem Ostgrat weiter bis zum Gipfel. Nach fünf Erholungstagen, unter anderem auch ganz unten im Basecamp, fühlte ich mich fit für das neue Vorhaben.

 

Der Wecker klingelte um 2 Uhr, doch ich kam nicht richtig in die Gänge. Erst um 3 Uhr lief ich los. Über den Gletscher zum Einstieg vom Nordgrat. Dann wurde es steiler und mir kamen erste Zweifel. Ist das überhaupt das Richtige was ich hier mache oder soll ich besser wieder umkehren? Ich musste mich überwinden, im Dunkeln weiter zu klettern. Doch irgendwann kam die Sonne und die brachte auch meine Motivation wieder zurück. Ich kletterte weiter und erreichte nach einer gewissen Zeit den Gipfel vom Pik 5547. Danach ging es wieder ein Stück nach unten und weiter über eine breite Rippe auf den Ostgrat. Als ich die 6000 Meter Grenze überschritt, änderte sich auch der Schnee. Er wurde je länger je mehr pulvrig und es wurde immer strenger bis ich dann zum Teil Knie tief im Schnee einsank. Auf dem Ostgrat wusste ich, dass es nur noch 4km und 700 Höhenmeter waren bis zum Gipfel. Doch dass sich der Grat so in die Länge ziehen würde, damit habe ich nicht gerechnet.  

 

Kurz vor dem Gipfel auf 7000 Meter gingen mir die Isotonischen Getränke aus, und ich merkte das sich meine Kräfte dem Ende zu neigten. Mir kam da wieder einen Satz in den Sinn, der mir mal gesagt wurde: «Wenn du an dem Punkt angekommen bist wo du sagst, jetzt kann ich nicht mehr weiter. Ab dann kannst du noch doppelt so lange laufen». Dies setze ich in meinem Kopf fest und ich lief weiter.

Auch der Gedanke, dass ich für den Abstieg die Normalroute benutzen kann, war eine Erleichterung.

Doch das Wetter verschlechterte sich zunehmend und es begann stürmisch zu schneien. Dies zerrte sehr an meinen noch vorhandenen Kräften. Immerhin hatte ich jetzt frischer Schnee zum essen, allerdings stillte dies mein Durst kaum. Die letzten 100 Höhenmeter waren dann noch einmal richtig hart und ich brauchte eine ganze Stunde dafür. Doch ich hielt durch und stand nach 13 Stunden 34 Minuten auf dem Gipfel. Aussicht gleich Null und der Wind fegte mir den Schnee ins Gesicht. Doch ich war glücklich und stolz auf mich, den Gipfel ein zweites Mal erreicht zu haben. Nach einem kurzen Stopp bei der Leninstatue folgte ich den Fähnchen, die den Weg schilderten hinunter zum Camp 3. Vor dem Camp 3 hat es noch einen kurzen Gegenaufstieg von ca. 80 Höhenmeter. Dieser war mühsam, doch auch den schaffte ich gut. Ich wusste das im Camp 3 zwei weitere Bergsteiger übernachteten, mit denen ich mich im Basecamp angefreundet hatte. Da ich den Rest des Abstieges nicht im Dunkeln machen wollte, kuschelte ich mich ohne Schlafsack zwischen die beiden und schlief schnell ein. Ich schlief gut und am nächsten Morgen setzte ich meinen Abstieg über die Normalroute fort. Nach insgesamt 32 Stunden stand ich wieder im Basecamp. Mit dieser Tour beendete ich das Abenteuer «Pik Lenin» und ging wieder zurück nach Sary-Tash.

 

Ich verabredete mich mit meinem Schweizer Freund Jonas, der ebenfalls in Kirgistan am Bergsteigen war und gerade aus der Karavshin Region zurückkam, um für ein paar Tage nach Arslanbob zu reisen. Ich genoss die Gesellschaft und die neue Gegend um mich zu erholen. Das Wetter war nicht mehr optimal für weitere Touren. Nachdem Jonas abgereist war, hoffte ich noch einmal auf ein Schönwetterfenster. Doch es herrschte fast jeden Tag über 50km/h Wind auf den Gipfeln und ich fühlte mich nicht mehr so fit wie zu Beginn meiner Expedition. Deshalb entschied ich mich, meinen Flug umzubuchen und vorzeitig am 21. August nach Hause zu fliegen.

  

Obwohl die Expedition auf den Pik Lenin technisch sehr einfach war, war die Herausforderung mit der Höhe für mich sehr spannen und ich konnte einiges über meinen Körper lernen. Ich flog nach Hause und war zufrieden, dass ich zwei Mal auf dem wunderschönen Gipfel stand.