Speedbegehung Fletschhorn- Weissmies

von Simplon Dorf - Saas Almagell

Die Speedbegehung vom Fletschhorn bis zum Weissmies im September war ein Highlight meiner Bergsteiger-Saison in diesem Jahr – und gleichzeitig wurde ich mit einem Tiefpunkt konfrontiert. In Erinnerung bleibt ein Abenteuer, das meine physischen und emotionalen Grenzen herausforderte.

 

Noch vor dem Wochenende machte sich der erste Wintereinbruch bemerkbar. Doch die Verhältnisse schienen gut und ich wollte die Gelegenheit nutzen, um noch einmal eine anspruchsvolle Tour zu machen. Ähnlich meinem Nadelgrat-Projekt vom Juli sollte es auch dieses Mal eine lange Gratüberschreitung von Tal zu Tal werden – doch ich war entschlossen, meine Grenzen erneut auszuloten. Schon lange geisterte mir die Überschreitung vom Fletschhorn bis zum Weissmies im Kopf herum. Mit den rund 3700 Höhenmeter über forderndes Gratgelände – davon 1200hm im Abstieg – war es definitiv noch eine Runde härter als der Nadelgrat.

 

Um 8 Uhr ging mein Abenteuer von Simplon Dorf aus los. Über den sehr langen und brüchigen Breitloibgrat kletterte ich in direkter Linie auf das Fletschhorn. Über den kurzen Nordgrat vom Lagginhorn erreichte ich mühelos mein zweites Zwischenziel. Ebenda traf ich auf zahlreiche Bergsteiger, die an diesem Tag den Gipfel besuchten. Nicht wenige davon schenkten mir ihre teilweise fragwürdigen Blicke, als sie realisierten, dass mich mein weiterer Weg trotz minimaler Ausrüstung in Richtung Süden führen sollte.

 

Der Verlauf vom Südgrat war mir weitgehend unbekannt, denn ich hatte diesen bis anhin noch nicht begangen. Zwar profitierte ich von meiner Erfahrung als Bergsteiger, um mich in diesem Gelände zurechtzufinden, trotzdem gab es ein paar nicht immer sachdienliche Abstecher und so war mir in diesem Abschnitt der Abenteuerfaktor nicht erspart geblieben. Doch ich fand schliesslich die passenden Stellen zum Abklettern und kurze Zeit später stand ich am Lagginjoch. Nun galt volle Konzentration! Ich hatte zwar schon knapp 3000 Höhenmeter mit Erfolg gemeistert, doch die entscheidenden Passagen standen mir noch bevor. Trotz allem freute mich sehr auf die Kletterei und ich wusste, dass ich im technischen Gelände schnell sein kann. Alsbald stand ich schon vor der plattigen Schlüsselstelle im vierten Klettergrad. Ich war komplett in meinem Element, sodass ich keine Sekunde zögerte und die Herausforderung auf mich nahm. Das Seil und anderes Equipment hatte ich bewusst zuhause gelassen. Ich war mir sicher, dass ich alles problemlos klettern kann. Unweigerlich kam mir eine Weisheit meines guten Freundes Marcel Jaun in den Sinn – auf seine eigenen Fähigkeiten vertrauen und einfach klettern, war also auch hier die beste Entscheidung. Ich bewältigte erfolgreich die Schlüsselstellen und musste in der Folge nur noch wenige Stellen im dritten Grad hinter mich bringen. Ausgerüstet mit Steigeisen joggte ich schliesslich den letzten Teil über den Firngrat in Richtung Weissmies.

 

Erfolgreich und doch leer

 

Als ich mich auf dem Gipfelgrat vom Weissmies befand, realisierte ich, dass ich ohne Stress unter 10 Stunden in Saas Almagell ankommen werde. Doch was geht einem Bergsteiger durch den Kopf, wenn er sein Ziel erreicht hat? Sollten es nicht Freude und positive Emotionen sein? Die Genugtuung und Gewissheit, das Ziel erreicht zu haben, auf das man lange hingearbeitet hat?

 

Doch bei mir wurden in jenem Gipfelmoment alles andere als Glückgefühle oder Freude ausgelöst. Ich habe lange darauf hingearbeitet, habe einige Routenabschnitte sogar im Vorhinein geklettert und bin die Tour viele Male im Kopf durchgegangen. Doch plötzlich war alles vorbei und es wartete nur noch der Abstieg auf mich. Ich fühlte eine Leere und erlebte paradoxerweise ein richtiges Tief auf dem über 4000m hohen Gipfel. Ich begann mich und meine Taten zu hinterfragen, warum ich die Mühen auf mich nehme und ob ich das künftig noch machen sollte.

 

Obwohl ich physisch nicht viel im Gepäck hatte, habe ich mir durch diese Tour viel emotionales Gepäck aufgeladen, mit dem ich noch den restlichen Abstieg bewältigen durfte. Der Weg nach Saas Almagell war einfach, auch wenn meine Beine nicht mehr Vollgas geben wollten. Nach 9h49m kam ich im Tal an und das Ziel von unter 10h hatte ich zum Schluss locker erreichen können. 

 

Selbst als ich wieder unten im Bus sass, war noch keine Freude zu verspüren. Erst nach einigen Tagen konnte ich schliesslich realisieren, was für eine coole Tour ich gemacht hatte. So scheint diese Gefühlsachterbahn zeichnend für mich und meine Abenteuer im Solobergsteigen zu sein. Auf ein Hoch folgt ein Tief. Es sind genau diese gegensätzlichen Welten, die ich im Alleingang in den Bergen erleben darf – es ist am Ende genau das, was mich reizt. Das intensive Leben, den Flow zu spüren, wenn einfach alles läuft und das Gefühl, dass nur ich selbst für mein Vorwärtskommen verantwortlich bin.

 

 

Ich hatte also meine Ziele erreicht! Zumindest für dieses Jahr, denn ich freue mich auf die kommenden Abenteuer – im Wissen, dass ich künftig nicht nur an meinen physischen, sondern auch emotionalen Fähigkeiten wachsen werde.